In ihrer Reihe „50 Visionen für Leipzig“ fragt die Leipziger Volkszeitung im Januar und Februar Menschen der Stadtgesellschaft nach ihren Visionen für eine lebenswerte Stadt. Holger Wetzler hat sich dem Thema aus Sicht es Mittelstands angenommen und erklärt, warum lokal verwurzelte Betriebe die Basis bilden und ihre Förderung essentiell ist für eine attraktive Stadt.
Beitrag zur Serie der Leipziger Volkszeitung
50 Visionen für LeipzigDa der Text in einer stark gekürzten Fassung im Rahmen eines Wirtschafts-Specials erschienen ist, veröffentlichen wir hier den ganzen Text.
Leipzig kann wieder das wirtschaftliche Herz des Ostens sein – nicht durch große Versprechen oder neue Leuchttürme, sondern durch reale Leistung aus der Region. Zu oft wird so getan, als stünden wirtschaftliche Stärke und städtische Lebensqualität im Widerspruch. Dabei gilt: Eine Stadt kann auf Dauer nur dann lebenswert sein, wenn sie auch wirtschaftlich stark ist.
Gute Voraussetzungen – und eine oft unterschätzte Stärke
Leipzig bringt dafür hervorragende Voraussetzungen mit. Die Stadt wächst, sie zieht Menschen an, sie verbindet Kultur, Forschung und Unternehmertum auf eine Weise, die international auffällt. Im Vergleich zu anderen Städten, in denen ich arbeiten durfte, beeindruckt mich besonders die Dichte an Kompetenzen auf engem Raum. Vor allem aber verfügt Leipzig über Unternehmen, die hier seit Jahrzehnten produzieren, investieren, ausbilden und Verantwortung übernehmen. Hier wird nicht nur gedacht, verwaltet oder vermarktet. Hier wird produziert, entwickelt und investiert. Genau darin liegt eine Stärke, die wir künftig konsequenter nutzen sollten.
Wirtschaft als Grundlage für Stadtleben
Denn ohne wirtschaftliche Wertschöpfung fehlt langfristig der Spielraum für das, was eine Stadt lebendig macht: für Infrastruktur, für Bildung, für kulturelle Angebote und für soziale Stabilität. Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, sichern Einkommen, bilden Fachkräfte aus und tragen zur Finanzierung des Gemeinwesens bei. Sie treffen langfristige Investitionsentscheidungen, übernehmen Verantwortung für mehrere Generationen von Beschäftigten und halten Wertschöpfung in der Region. Diese Rolle wird oft als selbstverständlich betrachtet. Dabei ist sie alles andere als das.
Wachstum entsteht aus dem Bestehenden
Nachhaltiges Wachstum entsteht deshalb nicht allein durch das, was neu hinzukommt. Es entsteht vor allem dort, wo bestehende Unternehmen die Chance bekommen, sich weiterzuentwickeln, zu investieren und innovativ zu bleiben. Der Mittelstand und die Industrie vor Ort sind das Fundament wirtschaftlicher Stabilität. Sie sorgen für Kontinuität in Zeiten des Wandels, reagieren auf neue Anforderungen und sichern Verlässlichkeit dort, wo kurzfristige Effekte allein nicht tragen. Lebensqualität entsteht dort, wo Menschen sich sicher fühlen, Perspektiven haben und gerne bleiben.
Wachstum gestalten – nicht verzögern
Dabei geht es nicht um Wachstum um jeden Preis. Es geht um Wachstum mit Maß, Richtung und Verantwortung. Wirtschaftliche Entwicklung muss so gestaltet werden, dass sie in die Stadt integriert ist – mit Blick auf Flächen, Infrastruktur, Verkehr, Energie und Fachkräfte. Wachstum, das aus der Region heraus entsteht und auf bestehenden Stärken aufbaut, ist belastbarer als jede kurzfristige Lösung von außen.
Natürlich bringt eine wachsende Stadt Zielkonflikte mit sich, die sich nicht vermeiden lassen. Doch genau diese müssen gestaltet werden – nicht durch Stillstand, sondern durch klare Entscheidungen.
Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, transparente Entscheidungen und Genehmigungsverfahren, die planbar und zügig sind. Wo Unternehmen bereit sind, langfristig Verantwortung zu übernehmen, braucht es auf Seiten der öffentlichen Hand ebenso Verlässlichkeit und den Willen, Entwicklung zu ermöglichen.
Partnerschaft als Schlüssel
Schließlich braucht es ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung, damit dieses Potenzial wirken kann. Verwaltung und Wirtschaft dürfen kein Gegenspieler sein, sondern müssen sich als Partner verstehen, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiten: einer starken, lebenswerten Stadt. Planungssicherheit, transparente Entscheidungen und verlässliche Zeiträume sind dafür wichtiger als jedes Einzelprojekt. Wenn Prozesse klar, Zuständigkeiten eindeutig und Entscheidungen nachvollziehbar sind, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist der entscheidende Rohstoff für Investitionen, Innovation und langfristiges Engagement.
Balance als Leipziger Prinzip
Leipzig hat in seiner Geschichte immer dann Fortschritte gemacht, wenn es Balance gehalten hat: zwischen Wachstum und Verantwortung, zwischen Offenheit und Verwurzelung, zwischen wirtschaftlicher Dynamik und sozialem Zusammenhalt. Diese Balance ist anspruchsvoll. Sie verlangt Mut zur Entscheidung ebenso wie die Bereitschaft zum Dialog. Nicht das Entweder-oder bringt uns weiter, sondern das bewusste Zusammenspiel.
Ein gemeinsames Ziel
Leipzig ist dann erfolgreich, wenn wirtschaftliche Stärke und städtische Lebensqualität sich gegenseitig tragen. Wenn wir auf das bauen, was wir hier bereits können. Und wenn wir uns zutrauen, Leistung wieder als das zu begreifen, was sie ist: die verlässlichste Grundlage für eine gute Zukunft unserer Stadt.
Holger Wetzler

